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Bonn: LVR Klinik zum Umgang mit Depression und Covid-19

LVR-Direktor Markus Banger : So wirkt sich die Corona-Krise auf depressive Patienten aus

Der Direktor der LVR-Klinik, Professor Markus Banger, spricht über die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Menschen und die Behandlung der Patienten.

Die LVR-Klinik in Bonn gilt als einer der größten Gesundheitsversorger in der Region. Dabei werden dort vor allem psychiatrische und psychotherapeutische Behandlungen angeboten. Professor Markus Banger leitet seit 2011 die LVR-Klinik als Direktor. Mit Thomas Leurs sprach er über die Ängste seiner Patienten in der Corona-Zeit, über Hilfsangebote und was jeder selbst tun kann, um krisenfester zu werden.

Sie beschäftigen sich mit psychischen Leiden und auch den Ängsten der Menschen. Welche Ängste entstehen bei ihnen jetzt gerade in der Corona-Krise?

Prof. Markus Banger: Es ist ein ganz buntes Bild. Wir haben Patienten, die ohnehin unter Angsterkrankungen leiden und eine echte Intensivierung erleben. Sie fokussieren sich stark darauf, was alles passieren kann. Sie sehen etwa die Katastrophenbilder im TV, isolieren sich und haben immer mehr Angst, Kontakte mit anderen aufzunehmen. Gerade wenn man dann noch zur Risikogruppe gehört – völlig isoliert – ist das ein echtes Problem. Da ist es sehr wichtig, Brücken zu bauen und diese Menschen aus ihrer Einsamkeit herauszuholen.

Werden bei Ihnen gerade Menschen, die sich mit Corona infiziert haben, behandelt?

Prof. Banger: Zurzeit behandeln wir keine Covid-Patienten in der LVR-Klinik Bonn. Auch die Wahrscheinlichkeit, sich hier zu infizieren, ist sicherlich geringer, als außerhalb der Klinik. Wir sind sehr vorsichtig. Aber wir haben hier bereits Covid 19-Patienten auf unserer Intensivstation behandelt und haben zusätzlich eine weitere Isolierstation vorbereitet. Einzelne infizierte Patienten waren mit der Diagnose psychisch sehr belastet.

Wie wird ihnen geholfen?

Prof. Banger: Es ist wichtig, dass personelle Kontinuität in der Betreuung gewährleistet ist, zum Beispiel, dass das behandelnde Team nicht laufend wechselt. Es werden beide Aspekte, die Covid-Erkrankung und die psychiatrische Erkrankung, behandelt. Überaus wichtig ist auch der Kontakt. Ich habe hier Angehörige gesehen, die Angst hatten, dass ihr Elternteil sie vergisst. Glücklicherweise haben wir wieder Möglichkeiten, Besuche unter bestimmten Bedingungen zu gewährleisten. Wichtig ist, dass es noch eine menschliche Form von Betreuung gibt. Dazu gehört auch, dass die Menschen wieder zurück in ihr Heim oder zurück zu ihrer Familie gehen können.

Dieter Adler, der Vorsitzende des Deutschen Psychotherapeuten Netzwerks, befürchtet bei psychisch Erkrankten eine Zunahme an psychischen Krisen und Suizidgedanken in der Corona-Krise. Sehen Sie das auch so?

Prof. Banger: Das ist zum Teil bereits Gegenstand von wissenschaftlichen Untersuchungen, inwieweit es nun mehr Depressionen und Angststörungen durch die Pandemie-Situation gibt. Mein Eindruck ist, dass es eher Einzelfälle sind. Ich hatte etwa eine Patientin, die im Homeoffice arbeitet und mir sagte: „Ich ertrinke in der Einsamkeit. Ich komme damit nicht mehr zurecht.“ Oder ein anderer Patient, der sehr viel Angst hatte. Er war eigentlich erfolgreich behandelt und arbeitete nach dem Hamburger Modell. Dann musste er ins Homeoffice. Diese kleinen Absicherungen, wie man sie sich eben mal beim Kollegen auf der Arbeit holen konnte, fielen weg. Daraufhin ist er schwer depressiv geworden. Das heißt nicht, dass Homeoffice per se schlecht ist. Es ist gut, aber eben nicht für alle.

Was ist das Hamburger Modell?

Prof. Banger: Wenn Sie längere Zeit krank waren und der Patient, der Arzt, die Krankenkasse und der Arbeitgeber damit einverstanden sind, vereinbaren Sie etwa, erst mal nur zwei Stunden am Tag zu arbeiten. Das wird dann weiter von der Krankenkasse bezahlt. Später können es dann mehr Stunden werden. Das ist ein gleitender Übergang in die Arbeit nach langer Krankheit.

Gibt es bei Alter und Geschlecht Unterschiede bei den psychischen Problemen?

Prof. Banger: Ängste zeigen sich häufig sehr unterschiedlich. Kinder etwa sind sehr abhängig von den Eltern. Wir haben hier in der Klinik, trotz Covid 19, für stationäre Kinder, die Heimwochenenden gesichert. Das war uns sehr wichtig, denn Kinder dürfen nicht von den Eltern entfremdet werden. Diese Beurlaubungen gehören ja eigentlich auch zu der psychiatrischen Behandlung dazu.

Wie sieht es hier mit Online-Angeboten aus?

Prof. Banger: Wir haben am Anfang viele Kontakte telefonisch aufrechterhalten und bieten jetzt auch Video­sprechstunden an. Es ist ganz klar ein Digitalisierungsschub zu sehen. Bestimmte Therapieformen können etwa über Apps angeboten werden. Aber es ist nicht so, dass die App den Patienten behandelt, sondern weiter ein Psychiater oder Psychotherapeut.

Die Deutsche Depressionshilfe gibt an, dass es in Deutschland 5,3 Millionen Menschen gibt, die an einer Depression leiden.

Prof. Banger: Wenn man sich die Zahlen anschaut, dann wirken sie zunächst kaum glaubhaft, stimmen aber dennoch. Im Laufe ihres Lebens werden über 45 Prozent der Menschen zumindest einmal psychisch so relevant krank, dass sie die Hilfe eines Psychiaters brauchen. Das ist nahezu die Hälfte der Bevölkerung.

Und wie viele gehen dann auch tatsächlich zu einem Psychiater?

Prof. Banger: Deutlich weniger. Im Suchtbereich dauert es häufig zehn bis 15 Jahre. Und gerade hier könnte man viel früher ansetzen. Im Bereich Depressionen sind aktuell sicher drei bis sechs Prozent der Bevölkerung betroffen. Da gibt es aber unterschiedliche Schweregrade. Sie können etwa keine Motivation haben, von der Leistung her reduziert sein, schlecht schlafen oder unglücklich sein. Damit kann man zurechtkommen. Es ist kein schönes Leben, aber man kann so leben. Deswegen muss man nicht zum Psychiater gehen. Aber wenn eine Depression richtig stark ausgeprägt ist, dann ist eine Behandlung alternativlos.

Behandeln Sie auch die Obdachlosen hier in Bonn?

Prof. Banger: Ja. Bei psychiatrischen Kliniken gibt es den Ausdruck Vollversorgung. Das heißt, wir haben eine Region, in der wir für alle Menschen psychiatrisch verantwortlich sind. Gleich, ob sie einen festen Wohnsitz haben oder auch nicht. Da gehört zum Beispiel auch der Bonner Bahnhofsbereich dazu. Aber auch da ist zu beobachten, dass dringend benötigte Hilfen oft nur zögerlich angenommen werden.

Woran liegt das? Schämen sich die Menschen?

Prof. Banger: Das kann einmal Scham sein. Das kann aber auch daran liegen, eine anstehende Veränderung zu scheuen. Und Veränderungen fallen allen Menschen schwer.

Manche Forscher sehen auch psychische Langzeitfolgen, die aus der Krise entstehen werden. So sagt Raffael Kalisch vom Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz, dass Corona zu einer psychischen Gesundheitskrise werden könnte. Sehen Sie das auch so?

Prof. Banger: Man weiß es noch nicht genau. Die Menschen sind sehr verunsichert, das stimmt. Aber es kann durchaus noch positive Entwicklungen geben. Man sieht jetzt deutlich, wir brauchen einander. Diese Aussage von einer psychischen Gesundheitskrise ist mir zu negativ.

Es heißt, dass es jüngere Menschen schwerer in dieser Krise haben, da ihnen die Lebenserfahrung fehlt, die die ältere Generation hat.

Prof. Banger: Ganz am Anfang hatte ich den Eindruck, dass die Jungen vorsichtiger sind als die älteren Menschen. Das hat sich aber irgendwann gedreht. Sicher ist, dass die Jungen teils in ihrer Zukunft beeinträchtigt werden. Auslandssemester etwa gehen gerade nicht. Die Suche nach einer Arbeit ist erschwert, möglicherweise auch längerfristig.

In dieser Krise geht es jetzt auch darum, seine Resilienzfähigkeit zu verbessern, also die Fähigkeit mit Krisen gut umzugehen. Haben Sie Tipps, wie jeder persönlich für sich seine Resilienz steigern kann?

Prof. Banger: Wichtig ist es, eine gewisse Tagesstruktur zu haben. Jeder sollte zu bestimmten Zeiten aufstehen, Aufgaben erledigen und, auch wenn es schwerfällt, zu einer bestimmten Zeit ins Bett gehen. Sich auf die kleinen Dinge des Lebens konzentrieren, auch mal essen gehen, selbst kochen, Kontakte zu Nachbarn und Freunden halten. Auch ein gemeinsamer Spaziergang, mit etwas Abstand zueinander, Sport und Radfahren oder Walken. Und sich beim Medienkonsum nicht zu sehr auf Panikmeldungen konzentrieren, auch mal bewusst positive Meldungen ansehen.